Revolutionäre Raucher
Um 1805 waren Cigarren in Deutschland selten Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 247, doch bis zur 48er Revolution gewannen sie ein im Rückblick überraschendes Image. Die Cigarre als späteres Symbol des kapitalistischen Unternehmers und - bis vor kurzem - des selbstgerechten Spießers, galt damals als ungebührliche Neuerung, als Ausdruck liberaler Dreistigkeit, als Kennzeichen für Volksverhetzer und Wühler. Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 277 Fürst Leopold III. von Anhalt-Dessau erlaubte daher seinen Untertanen, jedem, der auf der Straße raucht, ungestraft die Pfeife oder Cigarre aus dem Maul zu schlagen. Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 223 Doch rechnete die Obrigkeit nicht mit der Solidarität unter Rauchern. Als z. B. am 2.5.1813 in Berlin ein Sergeant einem Raucher die Pfeife wegnehmen wollte, war er sofort von vier anderen „Subjekten mit brennenden Pfeifen“ umringt. Als dann im Verlauf der Auseinandersetzung noch 20 Pfeifenraucher hinzukamen, ergriff der Sergeant die Flucht. Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 254
Das Rauchen vermischte Standesunterschiede und untergrub dadurch die herrschende Ordnung: „In der Kumpanei der Raucher wurde die soziale Rangordnung unwesentlicher, und bald war es das Recht jeden freien Mannes, den anderen um Feuer zu bitten, ganz gleich welchen Standes er war.“ Böse, Georg, Und es wird doch geraucht, Köln 1965, S. 60 Die Neue Preußische Kreuzzeitung, das Organ der Reaktion, wird noch 1848 vergeblich warnen: „Die Cigarre ist ein Scepter der Ungeniertheit. Mit der Cigarre im Munde sagt und wagt ein junges Individuum ganz andere Dinge, als es ohne Cigarre sagen und wagen würde.“ Döbler, Hannsferdinand, Kultur- und Sittengeschichte der Welt, Bd. 3, München 1972, S. 314 Dieses revolutionäre Image verdankt die Cigarre vor allem den Cigarrendrehern, die im Vormärz die militante Avantgarde der Arbeiterbewegung bildeten. Schivelbusch, Wolfgang, Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, München 1980, S. 141 (Es ist fraglich, ob die gegenwärtige Renaissance der Cigarre ohne das Vorbild der Cigarren rauchenden cubanischen Rebellen stattgefunden hätte. Viele, die sich heute eine kostbare Cigarre aus Cuba leisten dürfen und können, lernten diesen alternativen Genuss vor zwei, drei Jahrzehnten als Revolutionstouristen oder Sympathisanten auf Cuba kennen.)


Wer rauchte, gar in der Öffentlichkeit, war zumindest ein verdächtiges Subjekt, vielleicht sogar ein Aufrührer. 1810 hat der Polizeipräsident von Berlin wieder einmal dekretiert: „Da das öffentliche Tabakrauchen auf den Straßen und Promenaden ebenso unanständig als gefährlich und dem Charakter gebildeter, ordnungsvoller Städte entgegen ist, so wird dasselbe nicht nur für Berlin, sondern auch für Charlottenburg und den Thiergarten hierdurch aufs strengste untersagt.“ Böse, Georg, Und es wird doch geraucht, Köln 1965, S. 68 Übertretungen des Verbots konnten mit fünf Talern Geld- oder bis zu achttägiger Arreststrafe geahndet werden Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 68, bei feuergefährlichem Rauchen winkte jedem Denunzianten eine Prämie von 25 Reichstalern. Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 249 Ähnliches galt in Wien für alle Straßen der Innenstadt, auf der Bastei, auf allen Brücken, in der Nähe der Mautniederlagen und Magazine, in der Nähe von Schildwachen, in der Prater-Hauptallee und in Parkanlagen. Logue, A. W., Die Psychologie des Essens und Trinkens, Heidelberg 1995, S. 105
Tatsächlich forderten die Revoluzzer von 1830/31 in Berlin schon das Recht, in der Öffentlichkeit rauchen zu dürfen, obwohl das mangels Zündhölzer gar nicht so einfach war. Die ersten Streichhölzer (1805) eigneten sich nur für den Hausgebrauch, da ihr Zündkopf aus chlorsaurem Kalium und Schwefel in ein Glas mit Schwefelsäure getunkt werden musste, damit er entflammte. Ab 1832 kamen Reibhölzer zum Verkauf, die sich entzündeten, wenn sie zwischen zwei mit den Fingern zusammengepressten Sandpapierblättchen hindurchgezogen wurden. Erst die 1844 in Stockholm patentierten „Sicherheitshölzer“ waren durch das Reiben an einer präparierten Fläche entzündbar. Billerbeck, Klaus-Dieter, Mit Rauchern lässt sich reden, Hamburg 1993, S. 40


In einem Brief an den Astronomen und Mathematiker C. F. Gauss vom 10.8.1835 machte sich H.C. Schumacher, Herausgeber der „Astronomischen Nachrichten“, über die rauchenden Demokraten lustig: „Von der früheren sogenannten Revolution (1830 oder 31) erzählte er (Humboldt, K. P.) viel ergötzliches. So sind z. B. die eingefangenen Unruhestifter damals gefragt, welchen Grund sie denn eigentlich zu den Unruhen hätten, und was sie wollten? Sie haben geantwortet, sie wollten dreierlei:
1)  im Thiergarten Taback rauchen,
2)  dass der Kronprinz Kinder bekommen sollte,
3)  hätten sie noch einen Grund, den sie jetzt vergessen hätten, der ihnen aber wohl wieder einfallen werde.“ (Briefwechsel zwischen C. F. Gauss und H. C. Schumacher, Hrsg. C. A. Peters, Altona 1860, Bd. 2, S. 414; s. a. Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 255

So blöd, wie Bildungsbürger meinen, ist das Volk gar nicht. Die „eingefangenen Unruhestifter“ empfanden das Rauchverbot nur als das, was es meistens ist, eine Disziplinarmaßnahme. Da es sich auf das überprüfbare Rauchen in der Öffentlichkeit beschränkte, konnte es nicht einmal mit dem moralischen Gebot des Verzichts gerechtfertigt werden. (Gesundheitliche Gefährdungen waren noch unbekannt.) Und im Bedarfsfall wurde das Rauchverbot von der Obrigkeit aufgehoben. Während der Besetzung von Berlin durch französische Soldaten, denen man kaum das Rauchen verbieten konnte, oder während der Choleraepidemien 1831 und 1837, als die Medizin wieder einmal die gesundheitlichen Vorzüge des Rauchens entdeckte, durfte auch in der Hauptstadt öffentlich geraucht werden. Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 251 ff.  Sobald aber die Normalität wieder hergestellt war, erneuerte der Polizeipräsident von Berlin das Verbot. Immerhin 3712 Übertretungen des Rauchverbotes mussten 1845 die Behörden allein in Berlin registrieren, doch die Dunkelziffer, das gab sogar der Innenminister zu, lag sehr viel höher.



Erst in höchster Staatsnot fiel am 19. März 1848 das Berliner Rauchverbot. Als das Volk die Opfer des Barrikadenkampfes auf den Schlossplatz brachte und sich anschickte, das Schloss zu stürmen, gelang es dem jungen Fürsten Lichnowsky, sich Gehör zu verschaffen. Er versicherte der wütenden Menge, Seine Majestät habe alles Militär zurückgezogen und sich dem Schutz der Bürger anvertraut, alle Forderungen seien bewilligt. Auf die Nachfrage, ob wirklich alles bewilligt sei, soll Fürst Lichnowsky geantwortet haben: „Ja, alles meine Herren.“ - „Ooch det roochen?“ - „Ja, auch das Rauchen.“ - „Ooch im Tiergarten?“ - „Ja, auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren.“
Damit soll es dem Fürsten gelungen sein, die Menschen zu beruhigen, so dass sie alsbald „heiter gestimmt“ den Platz verließen und fortan rauchten, wo es ihnen beliebte. Siemens, Werner v., Lebenserinnerungen, Berlin 1892, S. 48 f.; s, a. Döbler, Hannsferdinand, Kultur- und Sittengeschichte der Welt, Bd. 3, München 1972, S. 303 Einem sich selbst „ruhe- und friedliebend“ nennenden Bürger freilich reichte die fürstliche Erlaubnis noch nicht. Er schrieb am 23. März seinem Polizeipräsidenten: „Euer Hochwohlgeboren wird es gewiss nicht unbekannt sein, dass von jeher der sehnlichste Wunsch der Berliner Aufhebung des Verbotes des Tabakrauchens auf den Straßen war; seit einigen Tagen ist zwar ohne polizeiliche Erlaubnis Rauchfreiheit eingetreten, aber gerade durch Aufhebung dieses höchst lästigen Verbotes könnten Sie sich den dauerndsten Grund zu einer enthusiastischen Liebe der Berliner legen.“  Diesem revolutionären Ratschlag wollte sich auch der Polizeipräsident nicht verweigern, zwei Tage später bestätigte eine offizielle Bekanntmachung die Aufhebung des Rauchverbotes in Berlin. (Die Aufhebung des Rauchverbotes war die einzige Errungenschaft der 48er Revolution, die Bestand haben sollte. Davon abgesehen siegte in allen Auseinandersetzungen der Autoritätsstaat, die Gegenrevolution formte die deutsche Zukunft.)


Doch Tabak, erst recht in Form von Cigarren, blieb teuer und selbstverständlich nur entzündbar, wenn es dem oder der Edelsten unter den Anwesenden genehm war. Gäste der Queen Victoria z. B. mussten auf Schloss Windsor Tabakrauch in die Öfen blasen, damit er durch die Kamine abziehen konnte. Corti, Egon Caesar Conte, Die Trockene Trunkenheit, Leipzig 1930, S. 248 Ein mächtiger und entsprechend gefürchteter Raucher hingegen war Bismarck. Vom Berliner Kongress berichtete Disraeli seiner Königin Victoria: „Ich nahm seine (Bismarcks, K. P.) Einladung an. Nach dem Essen zogen wir uns in ein Zimmer zurück; er rauchte, und ich folgte seinem Beispiel ... Ich glaube, damit habe ich meiner Gesundheit einen letzten Stoß versetzt, aber ich fühlte, dass es absolut notwendig sei. In einem solchen Fall erweckt der Nichtraucher den Eindruck, als wollte er die Worte des andern belauern...“ Böse, Georg, Und es wird doch geraucht, Köln 1965, S. 88
Rauchen spielt wie Essen und andere Lustbarkeiten auch in der Politik keine unwesentliche Rolle. Bismarck berichtete über Verhandlungen mit Österreich 1851: 
"Bei den Sitzungen der Militärkommission hatte, als Rochow Preußen im Bundestage vertrat, Österreich allein geraucht.  Rochow hätte es als leidenschaftlicher Raucher gewiss auch gerne getan, getraute sich aber nicht.  Als ich nun hinkam, gelüstete michs ebenfalls nach einer Cigarre, und da ich nicht einsah, warum nicht, ließ ich mir von der Präsidialmacht (dem österreichischen Gesandten Thun, K. P.) Feuer geben, was von ihr und den anderen Herren mit Erstaunen und Missvergnügen bemerkt zu werden schien. Es war offenbar für sie ein Ereignis. Für diesmal rauchten nun bloß Österreich und Preußen. Aber die anderen Herren hielten das augenscheinlich für so wichtig, dass sie darüber nach Hause berichteten und um Verhaltungsbefehle baten.  Die ließen auf sich warten.  Die Sache erforderte reifliche Überlegung, und es dauerte wohl ein halbes Jahr, dass nur die beiden Großmächte rauchten.  Darauf begann auch Schrenkh, der bayrische Gesandte, die Würde seiner Stellung durch Rauchen zu wahren. Der Sachse Nostitz hatte gewiss auch große Lust dazu, aber wohl noch keine Erlaubnis von seinem Minister.  Als er indes das nächste Mal sah, dass der Hannoveraner Bothmer sich eine genehmigte, muss er, der eifrig österreichisch war - er hatte dort Söhne in der Armee -, sich mit Rechberg verständigt haben, denn er zog jetzt ebenfalls vom Leder und dampfte.  Nun waren nur noch der Württemberger und der Darmstädter übrig, und die rauchten überhaupt nicht. Aber die Ehre und die Bedeutung ihrer Staaten erforderte es gebieterisch, und so langte richtig das folgende Mal der Württemberger eine Cigarre heraus - ich sehe sie noch, es war ein langes, dünnes, hellgelbes Ding, Couleur Roggenstroh - und rauchte sie als Brandopfer für das Vaterland wenigstens halb.  Nur Hessen-Darmstadt enthielt sich, wahrscheinlich in dem Bewusstsein, zur Rivalität noch nicht groß genug zu sein." Busch, Moritz, Tagebuchblätter, Bd. 1, Leipzig 1899, S. 232
Geradezu liebenswert erscheint der Eiserne Kanzler in einer Anekdote über die Subjektivität von Geruchsempfindungen: „Während ein englischer Bevollmächtigter im Vorraum Bismarcks wartete, kam ein Besucher, der Graf B., mit offensichtlichem Entsetzen aus dem Zimmer des Reichskanzlers, fächelte sich Luft zu und äußerte zu den Wartenden: „Ich kann nicht begreifen, wie der Graf das aushält, dieser Tabaksqualm in seinem Zimmer zerreißt einem ja die Augen. Das war so schlimm, dass ich ihn bitten musste, das Fenster zu öffnen.“ Als nun der englische Bevollmächtigte bei Bismarck eintrat, fragte dieser: „Stört Sie das offene Fenster? Ich musste aufmachen, denn Graf B. war dermaßen parfümiert, dass ich es nicht aushalten konnte.“ Zit. n. Böse, Georg, Und es wird doch geraucht, Köln 1965, S. 126